Konnektivismus
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Definition
Konnektivismus (engl. connectivism) ist ein Ansatz eine neue Lerntheorie zu schaffen, die auf die Anforderungen des digitalen Zeitalters eingeht und sich von der Ansicht des isolierten Individuums der Klassischen Lerntheorie löst. Im Mittelpunkt des Konnektivismus stehen Wissennetzwerke und die Vernetzung von Wissen. Der Konnektivsmus wird oft mit den Konzepten und Methoden des Web 2.0 und des e-Learning 2.0 in Verbindung gebracht.
Entstehung des Konnektivismus
Die Konnektivismus-Theorie wurde im Jahr 2004 von George Siemens veröffentlicht.
Der Anlass für Siemens den Konnektivsmus zu entwickeln, war die Einsicht, dass die klassischen Lerntheorien (Behaviorismus, Kognitivismus und Konstruktivismus) zum Einen nicht die technologische Entwicklungen und deren Folgen für die Lehre (wie zum Beispiel das Internet bzw. e-Learning) einbeziehen und abbilden können und zum Anderen nicht die gesellschaftlichen Änderungen des Lernens (wie zum Beispiel der Bedeutungsgewinn des informellen und lebenslangen Lernens) berücksichtigen. Weiterhin gehen die bisher gültigen Theorien nicht auf die ständig zunehmende Wissensflut und die erwiesenermaßen sinkende Halbwertzeit des Wissens ein.
Kerngedanke des Konnektivismus
Der Kerngedanke des Konnektivismus ist, die Limitationen der klassischen Lerntheorien zu beheben und zu berücksichtigen, das Lernen auch außerhalb des Individuums, in Organisationen, Gemeinschaften (Communities) und vernetzten Strukturen, stattfinden kann. Konnektivismus fokusiert auf die Verknüpfung von spezialisierten Information in Netzwerken. Wissensquellen (z.B. Daten, Bilder, Texte etc.) werden als Knoten (nodes) bezeichnet. Diese Knoten verbinden sich zu einem Netzwerk.
Quelle: Siemens, G, Knowing knowledge, 2006, S. 29
Da sich die Umweltverhältnisse ständig ändern, ist es unerlässlich die Verknüfungen im Netzwerk zu pflegen und auszubauen, um einen durchgehenden Lernprozess zu gewährleisten und voranzutreiben. Der Informationsfluss durch eine Organisation oder Gemeinschaft ist für die Effizenz der Lernökonomie sehr wichtig und muss dementsprechend ebenfalls gepflegt und ausgebaut werden. Siemens vergleicht diesen Informationsfluss mit Pipelines, Wissenspipelines.
Die Wissenspipeline selbst steht im Vordergrund, nicht die durch diese Pipeline transportierten Informationen. Siemens: The pipe is more important than the content within the pipe.
(Zum Beispiel ein Nachrichtensender: Der Sender ist wichtig, die einzelnen Nachrichten werden schnell bedeutungslos)
Quelle: Siemens, G, Knowing knowledge, 2006, S. 32
Unsere Fähigkeit zu lernen was wir für Morgen benötigen ist wichtiger, als das heutige Wissen.
Siemens: Our ability to learn what we need for tomorrow is more important than what we know today.
Weiterhin ist es sehr wichtig zu erkennen, wann Veränderungen eingetreten sind und wichtige von unwichtigen Informationen zu trennen. Also den Nutzen von Informationen aus- und bewerten, um mit der immer stärker Ansteigenden Menge an Informationen klar zu kommen.
Das Wissen Wo man spezifische Informationen findet ist wichtiger, als das Wie und Warum.
Siemens: Know-how and know-what is being supplemented with know-where (the understanding of where to find knowledge needed).
Im Konnektivismus wird Lernen als ein Prozess betrachtet, der in einem undurchsichtigen Umfeld sich ständig ändernder Kernelemente existiert und nicht völlig vom Individuum kontrolliert werden kann.
Diese Meta-Kompetenzen sind folglich, laut Siemens, die Grundvoraussetzung für erfolgreiches Lernen im digitalen Zeitalter. Wenn Wissen, in welcher Form auch immer, benötigt wird und wenn es bei dem Individuum nicht verfügbar ist, ist die entscheidende Kompetenz, die Fähigkeit die passenden Wissensquellen zu kennen und zu nutzen. Da Wissen kontinuierlich wächst und sich weiterentwickelt, ist der Zugang wichtiger, im Moment präsente Wissen.
Prinzipien des Konnektivismus
Man kann für den Konnektivismus folgende Leitsätze bzw. Prinzipien formulieren (nach Siemens):
- Lernen und Wissen erfordert verschiedene Meinungen und Denkansätze, um aus Ihnen die besten Alternative zu wählen. (Siemens: Learning and knowledge rests in diversity of opinions.)
- Lernen ist ein Prozess, der spezialisierte Wissensknoten oder Informationsquellen verbindet. (Siemens: Learning is a process of connecting specialized nodes or information sources.)
- Wissen kann in nicht-menschlichen Einrichtungen gespeichert werden. (Siemens: Learning may reside in non-human appliances.)
- Die Eigenschaft mehr wissen zu wollen ist wichtiger als der derzeitige Wissensstand. (Siemens: Capacity to know more is more critical than what is currently known.)
- Die Pflege und Aufrechterhaltung von Verbindungen ist unerlässlich zur Unterstützung des durchgehenden Lernprozesse. (Siemens: Nurturing and maintaining connections is needed to facilitate continual learning.)
- Kernkompetenz von heute ist die Fähigkeit, Verbindungen zwischen Wissensbereichen, Ideen und Konzepten zu erkennen. (Siemens: Ability to see connections between fields, ideas, and concepts is a core skill.)
- Zeitgemäßes, aktuelles Wissen ist das Ziel aller konnektivistischen Lernaktivitäten. (Siemens: Currency (accurate, up-to-date knowledge) is the intent of all connectivist learning activities.)
- Entscheidungen zu treffen ist schon an sich ein Lernprozes. Der Lernende muss in der sich rasch wandelnden Wirklichkeit entscheiden, was Bedeutung hat und was er lernen möchte. Entscheidungen treffen ist eine Basis für das Lernen. (Siemens: Decision-making is itself a learning process. Choosing what to learn and the meaning of incoming information is seen through the lens of a shifting reality. While there is a right answer now, it may be wrong tomorrow due to alterations in the information climate affecting the decision.)
Kirchner und Bernhardt geben folgende Prinzipien an:
- Denken und Emotionen beeinflussen sich gegenseitig und müssen daher beide im Lernprozess zur Bedeutungsproduktion berücksichtigt werden.
- Lernen besteht nicht nur aus dem Erwerb von neuen Fähigkeiten oder dem Verstehen eines Sachverhaltes, sondern auch aus der Motivation, über die ein Lerner verfügt, um schnelle Entscheidungen zu treffen oder sich mit Prinzipien auseinanderzusetzen.
- Lernen ist ein Prozess, bei dem verschiedene Informationsquellen und -knoten miteinander verbunden werden. Der Lernende kann sein Lernen erheblich verbessern, wenn er sich in ein bestehendes Netzwerk oder in eine bestehende Gemeinschaft zum entsprechenden Thema integriert.
- Es ist wichtiger zu wissen, wo man Informationen finden kann, als die Information selbst immer sofort genau zu durchdringen, da sie z.B. auch von anderen Quellen oftmals schon zusammengefasst wurde und so im Rechercheprozess schneller erschlossen werden kann.
- Der Aufbau von Konnektionen zum Erlangen von Informationen oder genauerem Verständnis führt meist zu größeren Belohnungen als das einfache Suchen. Die Pflege von Konnektionen erleichtert das Lernen.
- Lernen und Wissen erhalten eine Meinungsvielfalt.
- Lernen vollzieht sich über unterschiedliche Art und Weisen, wobei eine Lehrveranstaltung nicht der einzige “Lernkanal” sein muss (z.B. Blogs lesen, Konversationen führen usw.).
- Eine Kernkompetenz für effektives Lernen stellt die Fähigkeit dar, Verbindungen zwischen verschiedenen Wissensfeldern, Ideen und Konzepten zu erkennen.
- In einem “Kreislauf der Wissensentwicklung” ist das persönliche Wissen des Einzelnen in ein Netzwerk eingebunden, dass in Organisationen bzw. Institutionen etabliert wird. Dadurch wird ein großer Wissensfundus über die Institution im Netzwerk verteilt und kann so dem Einzelnen wiederum als Lernquelle dienen (”cycle of knowledge development”). Konnektivismus versucht dabei das Verständnis für beide Lernarten bereitzustellen.
- Die Intention allen konnektivistischen Lernens ist Aktualität.
- Das Treffen von Entscheidungen im Hinblick darauf, was gelernt werden sollte und wie bedeutungsvoll eine Information ist, beschreibt selbst einen Lernprozess, der von Veränderungen in der Informationsaufnahme beeinflusst werden kann.
- Lernen ist ein “Wissensbildungsprozess” und bedeutet nicht, nur Wissen zu konsumieren.
Konnektivismus in anderen Lebensbereichen
Die Theorie des Konnektivismus lässt sich, neben dem Bildungsbereich, auch in anderen Bereichen des alltäglichen Lebens einsetzen. Siemens nennt noch folgenden Bereiche:
- Mangement and Leadership
- Media, news and Information
- Personal knowledge management in relation to organizational knowledge management
- Design of learning environments
Konnektivismus in der Praxis
Ein Beispiel für die Nutzung der konnektivistischen Theorie in der Praxis ist das Projekt "Yahoo Pipes" (Link). In diesem Projekt kann man mittels eines einfach zu bedienenden Interfaces selber eigene Wissenpiplines erstellen.
Ein weiteres konnektivistisches Werkzeug ist "Google Alerts" (Link). Mittel "Google Alerts" kann man sich automatisch per email über neue Suchergebnisse informieren lassen.
Kritik am Konnektivismus
Der Konnektivismus ist laut Pløn Verhagen keine richtige Lerntheorie, sondern eher eine pädagogische Sichtweise, da nicht auf die Frage eingegangen wird, wie gelernt wird, sondern eher auf die Frage, was gelernt wird. Es werden folglich laut Verhagen eher curriculare Fragestellungen behandelt und nicht die von Siemens propagierten Missstände der klassischen Lerntheorien behoben. Weiterhin ist Pløn Verhagen der Meinung, dass die Ausführungen von Siemens nicht ausreichend schlüssig und argumentativ begründet sind, um eine neue Theorie zu bilden. Er merkt zudem an, dass die dem Konnectivismus zugrundeliegenden Ideen nicht wirklich neu sind.
Bill Kerr ist der Meinung, dass die klassischen Lerntheorien auch in der heutigen technikorientieren Gesellschaft ausreichen.
Der Konnektivismus ist in der Tat keine eigenständige Lerntheorie. Dennoch greift diese Theorie Schwachpunkte der klassischen Theorien auf und versucht Diese zu verbessern. Er ist also als eine Erweiterung der vorherrschenden Lerntheorien zu sehen, die auf die speziellen Anforderungen der Wissensgesellschaft und des digitalen Zeitalters eingeht.
Literatur
- Downes, S. & Siemens, G.: Konnektivismus und konnektives Wissen (CCK08), 2008
- Downes, S.: Was ist Konnektivismus, 2008,
- Siemens, G.: Connectivism: A Learning Theory for the Digital Age, 2004, http://www.elearnspace.org/Articles/connectivism.htm
- Siemens, G.: Connectivism: A Learning Theory for the Digital Age - Präsentation auf den SURF Education Days 2006 in Utrecht , 2006, http://www.elearnspace.org/presentations/connectivism_utrecht.ppt
- Siemens, G.: Knowing Knowlege, 2006, http://www.knowingknowledge.com/
- Siemens, G.: Connectivism: Learning as Network-Creation, 2005, http://www.learningcircuits.org/2005/nov2005/seimens.htm
- Siemens, G.: Web Presentation (Oral/Slide show) on Connectivism, http://www.elearnspace.org/media/connectivism_Web_2/player.html
- Ehlers, U.-D.: Qualität im E-Learning 2.0, Handbuch E-Learning 23. Erg.-Lfg. Januar 2008
- Bernhardt, T.; Kirchner, M.: Expose Diplomarbeit, Kapitel 2: Lerntheorethischer Hintergrund, http://www.elearning2null.de/index.php/expose/2-lerntheoretischer-hintergrund/
- Bernhardt, T.; Kirchner, M.: Vierter Video-Podcast - Konnektivismus pur: Lernen überdenken!?, http://www.elearning2null.de/index.php/2007/03/17/vierter-video-podcast-konnektivismus-pur-lernen-ueberdenken/
- Bernhardt, T.; Kirchner, M.: E-Learning 2.0 im Einsatz : Du bist der Autor! - Vom Nutzer zum WikiBlog-Caster. 2007, Boizenburg: Verlag Werner Hülsbusch, ISBN 978-3-940317-16-2
- Verhagen, P.: Connectivism: a new learning theory?, 2006, http://elearning.surf.nl/e-learning/english/3793
- Kerr, B.: which radical discontinuity?, 2007, http://billkerr2.blogspot.com/2007/02/which-radical-discontinuity.html
- Prüher, W.: Ein neues Lernparadigma: Der Konnektivismus, 2007, http://lernenheute.wordpress.com/2007/02/11/ein-neues-lernparadigma-der-konnektivismus/
- Wikipedia (engl.): Connectivism, http://en.wikipedia.org/w/index.php?title=Connectivism







