Szenario-Technik
Aus Widawiki
Einleitung
In der heutigen Zeit wird es immer bedeutsamer, Abschätzungen von Entwicklungen in der Zukunft vorzunehmen, um Handlungen bzw. Strategien diesbezüglich anzupassen. Eine Methode um dieses zu tun, ist die Szenario-Technik, denn sie lässt aufgrund ihrer inneren Struktur Handlungsalternativen erstellen, analysieren und vorbereiten. Die Szenario-Technik schafft den Sprung, in ihrer Alternativenvielfalt schon heute Planungen für die Zukunft zu erstellen und somit rückwirkend auf die Gegenwart Vorgehensweisen zu konstruieren. Die folgende Ausarbeitung wird sich mit der Konzeption der Szenario-Technik nach Ute von Reibnitz beschäftigen.
Definition „Szenario“ und „Szenario-Technik“
Der Terminus „Szenario“, auf den man die vorliegende Methode zunächst zurückführen muss, lässt sich anhand der folgenden Definition (vgl. Götze 1993, S38f.) relativ gut für den wirtschaftlichen Bereich veranschaulichen.
Ein Szenario
- stellt ein hypothetisches Zukunftsbild (Übersetzung von Szenario) eines sozioökonomischen Bereichs und den Entwicklungspfad zu diesem Zukunftsbild dar,
- gibt in Verbindung mit weiteren Szenarien einen Raum möglicher zukünftiger Entwicklung des untersuchten Bereichs an,
- wird systematisch und transparent sowie unter Berücksichtigung der Entwicklungen mehrerer Faktoren und der Zusammenhänge zwischen diesen erarbeitet und ist daher plausibel und widerspruchsfrei,
- enthält quantitative wie auch qualitative Aussagen, die einen ausformulierten Text bilden und
- dient der Orientierung über zukünftige Entwicklungen und/oder der Entscheidungsvorbereitung
Betrachtet man nun die Szenario-Technik, so erschließt sich der interessierten Leserin und dem interessierten Leser, dass es sich hierbei um den Weg zu derartigen Szenarien und die Modellierung dieser handelt. Sie stellt ein Instrument dar, um Zukunftsbilder zu erstellen und anhand dieser operative Maßnahmen in der Gegenwart zu treffen.
Historische Einordnung
Das Denken in Szenarien hat eine militärische sowie wirtschaftliche Entstehungsgeschichte. Auf beide kann im Rahmen dieser Arbeit lediglich schlaglichtartig eingegangen werden.
Militärisch
Die militärischen Ursprünge gehen bereits auf Clausewitz (1780-1831) und Moltke (1800-1891) zurück, die Szenarien nutzten, um gegnerische Taktiken zu antizipieren und eigene Gegenmaßnahmen einzuleiten.
Wirtschaftlich
Der Zukunftsforscher Herman Kahn wendete sich Ende der 1960er Jahre erstmals auch ökonomischen, sozialen und wirtschaftlichen Zukunftsprojektionen sowie Planungsüberlegungen zu und gilt nicht zuletzt aufgrund seiner 1967 veröffentlichten Studie „The Year 2000. A Framework for Speculations on the next Thirty-Three Years“ als der Impulsgeber für die heutige Szenario-Technik. (vgl. Gausemeier 1996, S. 92.)
In den 70er Jahren gab es zwei Studien von Meadows und Pestel aus dem „Club of Rome“, die erstmalig die Komplexität der sozialen und ökonomischen Zusammenhänge und Wechselwirkungen in Szenarien darstellten. Damit wurde auch die strategische Planung als Instrument der Unternehmensführung bedeutsam und findet dort bis heute ihre Anwendung. Eine neuere Dimension ist die Nutzung der Szenario-Technik in Schule und Hochschule.
Aufbau der Szenario Methode
Um die Szenario-Technik in Ausprägung und Wirkung zu veranschaulichen wird an dieser Stelle der sogenannte „Szenariotrichter“ (vgl. Geschka/Hammer 1990, von Reibnitz 1991 und Gausemeier 1996) bemüht. Startpunkt der Betrachtung ist die Spitze des Trichters, welche die Gegenwart darstellt und ein Problem bzw. einen Missstand beschreibt. Zunächst bedeutet der Blick in die Zukunft mit zunehmendem Abstand zur Gegenwart einen äquivalenten Zuwachs an Komplexität und Unsicherheit der Zukunftsaussage (vgl. Sprey 2003, S.88f.).
Die zur Hilfe herangezogenen Szenarien werden außerdem in drei Planungshorizonte unterteilt:
- kurzfristig (5-10 Jahre)
- mittelfristig (11-20 Jahre)
- langfristig ( 20 Jahre)
Der äußere Rand des Trichters stellt weiterhin die Summe aller möglichen und vorstellbaren Zukunftssituationen dar. Somit lässt sich erklären, dass prinzipiell nur drei Grundtypen von Szenarien zu erstellen sind:
- a) positives Extremszenario (bestmögliche Ausprägung)
- b) negatives Extremszenario (schlechtmöglichste Ausprägung)
- c) Trendszenario (Fortschreibung der gegenwärtigen Situation)
Alle Ausprägungen innerhalb dieses Trichters werden durch Störfaktoren, die jederzeit veränderlich bleiben, beeinflusst. Somit kann ein sehr breites und unsicheres Spektrum von Situationen eintreten, welches es durch Analysen zu minimieren gilt.
Von Reibnitz nennt Gütekriterien für die zu erstellenden Szenarien (vgl. von Reibnitz 1992):
- Größtmögliche Stimmigkeit, Widerspruchsfreiheit
- Stabilität der Szenarien
- Unterschiedlichkeit soll größtmöglich sein („Ränder“ des Trichters erreichen)
Ziel ist es, in die Zukunft zu blicken, um dort in den Szenarien situative Analysen durchzuführen, damit aus diesen Erkenntnissen Handlungsmuster in der Gegenwart geschlossen werden können. Die Szenario-Technik bietet somit die Möglichkeit, sich bereits in der Gegenwart der Problemlösung verschiedener Szenarien zu widmen, um den bestmöglichen Ausgang in der Zukunft anzustreben.
Ablauf der Szenario Methode
Der Prozess der Szenario-Technik nach von Reibnitz ist in acht Teilschritten (vgl. von Reibnitz 1992, S. 30ff) abzuarbeiten, die an dieser Stelle schlagwortartig zusammengefasst werden:
- Aufgabenanalyse (Problemfelder aufsuchen und analysieren)
- Einflussanalyse (Auffinden und Analysieren möglicher Einflussfaktoren und deren Wirkungen; z.B. „Vernetzungsmatrix“)
- Deskriptorenanalyse (= Kenngrößen / Maßzahl der Einflussfaktoren; alternativ / eindeutig; Ermittlung und Beschreibung der Deskriptoren sowie deren Projektion auf den Betrachtungszeitraum)
- Szenarienbildung (2 Extremszenarien und 1 Trendszenario)
- Szenarioanalyse (Kontrolle der Widerspruchsfreiheit, Logik und Verträglichkeit der Szenarien; Einbettung der Deskriptoren; Ausgestaltung der Szenarien )
- Konsequenzanalyse (Erstellung von Lösungsansätzen, Auswirkungen werden analysiert, Chancen/Risiko-Auswertung z.B. SWOT-Analyse)
- Störereignisanalyse (Auffinden von Störereignissen, evtl. Präventivmaßnahmen-Betrachtung, Krisenplan-Erstellung)
- Szenario-Transfer (Leitstrategie-Erstellung für die Gegenwart, System zur Überprüfung der Gefährdung der Leitstrategie)
Einsatz der Methode / Technik
(vgl. Sprey 2003, S. 66ff und eigene Überlegungen)
- Schule
- Mittlerweile wird die Szenario-Technik vermehrt in berufsbildenden Schulen und Hochschulen zum Einsatz gebracht, um sozio-kulturelle und wirtschaftliche Problemstellungen in Form von Planspielen oder ähnlichen Übungsformen zu behandeln. Die SchülerInnen bzw. StudentenInnen werden aktiv in den Prozess der Problemerkennung sowie Problemlösung einbezogen und lernen in eigenständiger Arbeit, Probleme in Gruppen bzw. Teams zu lösen oder zumindest Lösungsansätze zu finden und diese zu präsentieren.
- Unternehmen
- In Unternehmungen wird die Szenario-Technik als Instrument der strategischen Unternehmensplanung genutzt. Das Unternehmensziel ist zwar mit Unternehmensgründung festgelegt, kann jedoch durch diverse Störfaktoren und Umwelteinflüsse gefährdet werden. Dies bedingt die Kalkulation und Planung unterschiedlicher Szenarien, um den Unternehmensfortbestand bestmöglich zu sichern. Hierbei hilft und unterstützt die Szenariomethode und lässt strategische Maßnahmen für die verschiedenen Entwicklungen in der Zukunft bereits in der Gegenwart zu.
- Forschung und Entwicklung
- In der Forschung und Entwicklung kann die Szenario-Technik als Instrumentarium des Krisenmanagements eingesetzt werden, um Risiken und Gefahren bis hin zu „Worst-Case-Szenarien“ (z.B. Super-Gau in Atomkraftwerken; Kernschmelze) zu antizipieren und eventuelle Gegenmaßnahmen vorzubereiten (falls Probleme auftreten).
- Militär
- Im militärischen Umfeld wurden und werden, wie bereits erwähnt, Instrumente wie die Szenario-Technik benutzt, um Strategien und Pläne der Gegner vorwegzunehmen und eigene strategische (defensive oder offensive) Maßnahmen zu planen und zu realisieren.
Kompetenzentwicklung und Lernwirkung (eigene Überlegungen)
Die Szenario-Technik fördert neben der Problemerkennung sowie der Findung der Problemlösung ebenfalls die Kreativität, die Teamarbeit und verschiedene Formen von Handlungskompetenz (in Abhängigkeit vom jeweiligen Szenario-Kontext). Sowohl Sozialkompetenz (Teamwork), Medienkompetenz (Inhalte / Ergebnisse müssen dargestellt und präsentiert werden), Fachkompetenz (tiefe Einarbeitung in differenzierte Fachgebiete nötig) als auch Kompromissbereitschaft (Kompromisse werden geschlossen, Lösungen gesucht, abgewogen, diskutiert und getestet) werden geschult (eigene Überlegungen).
Voraussetzungen für die Durchführung
Die Durchführung der Szenariomethode bedarf einiger Voraussetzungen, die für ihr Gelingen unabdingbar sind (vgl. Albers/Broux 1999, S. 313ff): Kenntnis und Durchdringung der Methode von allen Beteiligten
- Fachkompetenz in Teilbereichen
- Informationsfluss muss gewährleistet sein (in jegliche Richtung)
- Zahlreicher Medieneinsatz bei Durchführung und Präsentation
- Teamfähigkeit der Beteiligten
- Kreativität bei Szenarienfindung
- Planungs- und Ausführungsdauer ist ziemlich ausgeprägt (Zeitaufwand)
Vorteile / Nachteile der Szenario-Technik
Nachteile:
- Sehr voraussetzungsvolle Methode (vgl. Kapitel „VIII Voraussetzungen für die Durchführung“, S. 6 dieser Arbeit).
- Sehr aufwendig in der Durchführung.
- Die Beteiligten sollten hinsichtlich der Methode und des Kontexts geschult und erfahren sein.
- Sicherlich ist es nicht möglich, jegliche Szenarien im Geist zu erfassen. Unvorhergesehene Probleme können daher trotzdem auftreten.
Vorteile:
- Relativ einfaches Mittel für die Zukunftsplanung (im Vergleich zu anderen Methoden).
- Wirkungsvolles Instrument zur Einschätzung und Planung der Zukunft.
- Umfassende Methodik.
- Vielseitige Einsetzbarkeit in unterschiedlichen Bereichen. Daher große Flexibilität hinsichtlich des Anwendungs-Kontextes.
Inhaltsverzeichnis
- Albers, O./ Broux, A.: Zukunftswerkstatt und Szenariotechnik. Weinheim und Basel 1999.
- Gausemeier, J./ Fink, A. / Schlake, O.: Szenario-Management: Planen und Führen nach Szenarien. 2., neu bearbeitete Auflage. München, Wien 1996.
- Geschka, H./ Hammer, R.: Die Szenariotechnik in der strategischen Unternehmensplanung. In: Hahn, D./ Taylor, B. (Hrsg.): Strategische Unternehmensplanung, 2. Auflage. Würzburg 1990.
- Götze, U.: Szenario-Technik in der strategischen Unternehmensplanung. 2., aktualisierte Auflage. Wiesbaden 1993.
- Meadows, D./ Zahn, E./ Milling, P.: Die Grenzen des Wachstums. Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit. Reinbeck bei Hamburg 1973.
- Pestel, E.: Menschheit am Wendepunkt. Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit. Reinbeck bei Hamburg 1974.
- Reibnitz, U. von: Szenariotechnik. Instrumente für die unternehmerische und persönliche Erfolgsplanung. Wiesbaden 1992.
- Sprey, M.: Zukunftsorientiertes Lernen mit der Szenariomethode. Bad Heilbronn/OBB. 2003.
- Pillkahn, U.: Trends und Szenarien als Werkzeuge zur Strategieentwicklung. Wie Sie die unternehmerische und gesellschaftliche Zukunft planen und gestalten. Erlangen 2007. Erschienen unter ISBN 3-89578-286-6.
Internetquellen:
- http://www.4managers.de/themen/swot-analyse, Zugriff am 09.12.2006 um 21:16 Uhr.
- http://www.themanagement.de/MD/SWOT.htm, Zugriff am 09.12.2006 um 21:20 Uhr.
Bilderverzeichnis
Abbildung 1: Der Szenariotrichter aus Sprey 2003.





